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Die Frauenkörkommission

In dieser Woche geht's los: der 61. Trakehner Hengstmarkt in den Holstenhallen in Neumünster wirft seine funkelnden Lichter voraus. Zweifelsohne ein Höhepunkt für meine Freundin Astrid und mich, denn wir reisen in besonderer Mission nach Neumünster. Wir gehören nämlich zur Frauenkörkommission.

Sie haben noch nie von ihr gehört? Na, dann wird es Zeit!


Seit vielen (gefühlt: mehreren hundert) Jahren besuche ich zusammen mit meiner trakehnerbegeisterten Freundin Astrid alljährlich den Trakehner Hengstmarkt, seit vielen Jahren sind wir auch schon im Sommer bei einigen Vorauswahlterminen dabei. Im Herbst dann geht es ab Donnerstag mit der Pflastermusterung der jungen Hengste für uns los. Auch beim außerordentlich mutigen und besonderen Hengstmarkt 2020 waren wir mit von der Partie.

Wir begutachten die Köraspiranten vom ersten Tag an, so wie all die anderen richtig gut Eingeweihten. Wir lieben die besondere Stimmung, wir lieben es, die unterschiedlichen Typen zu beobachten, Pferde wie Menschen. Der Trakehner Hengstmarkt ist unser persönlicher Höhepunkt des Pferdejahres. Und das ist er auch für die vielen anderen Menschen, die sich mit uns zusammen bereits am Donnerstag bei frischem Wind die Frisur durcheinander bringen lassen.

Zunehmend vertrauen wir unserem Urteil, das nicht immer mit dem der Körkommission übereinstimmt. Und daher haben wir sie vor ein paar Jahren im Block F gegründet, die Frauenkörkommission, kurz FKK.




Nun besteht ein Reiz des Trakehner Hengstmarktes ja darin, dass Modernität und Diversität nur ganz vorsichtig zugelassen werden. In manchen Bereichen hat das Charme (die Trachtenjanker), in anderen wieder nicht so (keine Trachtenkostüme in verantwortlicher Position). Der Frauenanteil der offiziellen Körkommission tendierte nur dann nicht gegen Null, wenn einer der Herren verhindert war. Aus einem traurigen Grund also, nicht aus Einsicht. Auch die Scherze des Auktionators fallen mittlerweile aus dem gleichen Grund etwas modernisierter und weniger respektlos aus, als noch vor einigen Jahren.

Und wie wir inzwischen nach vielen Gesprächen mit diversen Sitznachbarinnen von Block E, F, G oder von anderswo wissen, könnte auch die Beurteilung der Hengste durchaus eine Rundumerneuerung vertragen. Das soll jetzt nicht gegen die Herren der Körkommission gehen, auch nicht gegen den langjährigen Moderator, der wirklich erfrischend und kenntnisreich fließend zweisprachig moderiert. Aber, liebe Leute und Adelige, die ca. Hälfte der Menschheit ist weiblich und hat ihre eigenen Ansichten und ihre eigene Art. Wie wunderbar hat doch Jessica von Bredow-Werndl auf einem der Trakehner Galaabende immer wieder auf das Auge, das Ohrenspiel und ihr Gefühl zum Pferd hingewiesen. Mag ich es, oder mag ich es nicht? Ja, ich mag es.

Was wir von der Frauenkörkommission nicht mögen, sind Angebertypen, auch vierbeinige nicht. Häufig tragen sie eine schwarze Jacke und Angebernamen, die uns an Machos erinnern, eine Spezies, von der wir hoffen, dass sie demnächst ausstirbt. Sie wirken aufgepumpt und unsolide. Die wollen wir nicht. Was wir auch nicht wollen, sind die Süßen, die, bei denen wir ungebremst Mutterhormone ausschütten. So schön es ist, in mütterlichen Gefühlen zu schwelgen („Oh nein, nein, nein, was für ein Süüüßer!“), als Vatertiere sind die Süßen in ihrem gegenwärtigen Zustand ungeeignet und daher gehen unsere Alarmlampen an, wenn wir das Wort „süß“ denken. Nicht gekört!

Uns gefallen Hengste mit dem besonderen Etwas, übrigens auch, was Farbe und Abstammung angeht, Hengste die lässig und mit ruhigem Auge die jeweiligen Aufgaben angehen, Hengste, die eine schöne Beziehung zu ihrer Führperson haben und bei denen wir durchaus auch mal notieren können, dass sie goldig oder Ponytypen sind, Hengste, die mit Übersicht springen. Eine Frauenkörkommission würde es allerdings dabei belassen, diese Übersicht und Manier der Hengste beim Freispringen einige Male zu überprüfen. Sie würde ganz sicher nicht permanent noch höher auflegen, bis auch der letzte Zuschauer gut unterhalten ist. Nein, das Risiko, junge Tiere bei solcher Art von bäuerlichem Und-noch-eins-drauf-Freispringen zu überfordern, wäre der Frauenkörkommission ganz entschieden zu hoch.





Die ca. Hälfte der begeisterten Trakehnerfans ist weiblich und hat Ahnung. Eventuell hätte sie mit ebendieser Ahnung verschiedene Flops verhindern können, etwa bei dem ein oder anderen Siegerhengst? Einfach nur, indem sie Hormone oder Gefühle ausgeschüttet und/oder auf ihr nicht unerhebliches Wissen zurückgegriffen hätte, einfach indem sie ein Ausgleich zu den Herren im Anzug gewesen wäre.

Die FKK bedachte so manchen Vererberstar unter den Hengsten mit ehrlicher Begeisterung, fand für einen aber auch Attribute wie „ein Komiker mit Araberschweif“, für einen anderen Hengst und Reservesieger notierte sie „Eitler Prinz, Typ Wenn Frauen zu sehr lieben“. Durchaus zutreffend, wie sich mit den Jahren herausstellte. Ich will nicht verschweigen, dass ich beim Durchblättern unserer vielen Kataloge neben Fachspezifischem auch Bemerkungen wie „Niedliche Hasenohren“, „Schöner Hintern“, „Frisst Kiefer, klasse“ oder „knuffiger, lieber Bub, Favorit der FKK“ bei gekörten Hengsten fand. Die FKK drückt sich einfach gänzlich anders aus, als die Offiziellen, die von „Manieren eines Gigolo“ sprechen, wo wir „spannige, wuchtige Trabmaschine, gähn“ notieren.

Wenn man uns schon nicht fragt, wo es um die wichtigen Gekörten geht, könnte man vielleicht wenigstens bei der Besprechung der Nicht-Gekörten vor der Auktion auf unsere liebevollen Worte zurückgreifen, die den Preis wahrscheinlich eher in die Höhe treiben würden, als abgedroschene Phrasen aus der Schatzkiste des Altchauvinisten. Natürlich haben wir bei jedem Hengst die passenden Worte für Typ, Balance, Körperpartien, Galoppade, Übersicht und all das gefunden, wie es sich gehört. Da sind wir ganz professionell. Daneben finden sich aber auch spezifischere Notizen. „Süßer Angsthase“ steht da, „musikalischer Typ“, „reizender Frauentröster“, „anmutiger Tänzer mit schöner Schweiffarbe“, „sabbert, wie niedlich“, „Sportsmann durch und durch“, „kleines, unkonzentriertes Spatzi“, „Knödeltyp“, „verspielt“, „walks like an Egyptian“ oder strenger, „Fetti, kann nicht stehen, aber steigen“. Nagut, das könnte man vielleicht weglassen.

„Nicht noch so ein schwarzer Strampler mit spannigen Gängen“, hören wir häufig von unseren Sitznachbarinnen, die ebenfalls heimlich mit der geheimen (nun ja nicht mehr) FKK sympathisieren, oder „bitte nicht noch ein …..XYZ…..“. Manchmal begeistern wir uns aber auch für die gleichen Hengste, wie die Herren unten im Oval. Wir finden nur andere Worte für unsere Begeisterung.

Wie auch immer, wir sind da. Geheim oder nicht geheim, wir sehen uns in Block F.

Hochachtungsvoll,

Ihre Frauenkörkommission


Ute Ochsenbauer

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